94 PEOPLE langfristigen Wirtschaftswachstum. Solange es also Wachstum gibt, wird der Markt auf lange Sicht zuverlässig steigen. Das ist ein großer Vorteil. Die Aufgabe des langfristigen Anlegers besteht nun darin, zu vermeiden, dass er in den unvermeidlichen Abschwüngen zu hart getroffen wird und entweder den Großteil seines Kapitals oder den Willen zum Weitermachen verliert. Es kann sowohl finanziell als auch mental verheerend sein, wenn man einen Verlust erleidet, der größer ist, als man verkraftet. Um das auszuschließen, habe ich meinen 30-30-30-10-Ansatz entwickelt. Ein weiterer wichtiger Punkt für langfristige Anleger ist, dass der Aktienmarkt über lange Zeiträume hinweg seitwärts laufen kann. Dieses Szenario wird oft vergessen. Wenn Sie vor dem Crash von 1929 eingestiegen wären, hätten Sie erst 1954 wieder die Gewinnschwelle erreicht. Hätten Sie 1966 gekauft, wären Sie erst 1982 wieder im Plus gewesen. Dasselbe gilt für die Jahre 2000 bis 2012. Die Frage, die Sie sich als Anleger stellen müssen, lautet also: Wie werde ich Geld verdienen, wenn der Aktienmarkt in den nächsten zwölf oder 15 Jahren seitwärts läuft? Die Hoffnung, dass „das wahrscheinlich nicht passieren wird“, ist keine akzeptable Antwort. TRADERS´: Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten längerfristigen Faktoren für Aktien? Kaeppel: Die großen Makrofaktoren sind Bewertung, Inflation, Zinsen und Gesamtwirtschaft. Der Trend jeder dieser Komponenten lässt sich quantifizieren, wobei aber nichts davon zu jeder Zeit richtig sein muss. TRADERS´: Können Sie das bitte genauer erklären? Kaeppel: Aus Sicht der Bewertung besteht eine große potenzielle Gefahr für den Markt, wenn das Shiller-KGV über 21 liegt und sich der S&P 500 gleichzeitig in einem Abwärtstrend befindet. Das Shiller-KGV wird auch als CAPE bezeichnet. Es basiert auf den mittleren, inflationsbereinigten Unternehmensgewinnen der letzten zehn Jahre. Allerdings ist die Bewertung ein perspektivischer Indikator und kein Timing-Tool. Solange die Kurse keinen Abwärtstrend aufweisen, mache ich mir keine Sorgen um die Bewertung, egal wie hoch sie ist. Was die Inflation angeht, hat der Dow Jones seit 1914 fast 60 Prozent verloren, wenn der über zwölf Monate gemessene Verbraucherpreisindex höher als vier Prozent oder niedriger als minus drei Prozent war. Lag die Inflation aber zwischen diesen beiden Werten, was die meiste Zeit der Fall war, legte der Dow Jones insgesamt beinahe unglaubliche 150.000 Prozent zu. Es ist also offensichtlich, dass zu viel Inflation genauso wie zu viel Deflation den Markt belastet. Was die Zinsen angeht, legte der Dow Jones in allen Zeiten seit 1900, in denen die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen unter ihrem exponentiellen 7-MonatsDurchschnitt lag, um mehr als 61.000 Prozent zu. Lag die 10-jährige Treasury-Rendite dagegen darüber, schaffte er insgesamt nur magere zwölf Prozent. Der vierte Faktor ist schließlich die Gesamtwirtschaft, für die ich das SentimenTrader Macro Index Model verwende, das elf verschiedene harte Wirtschaftsfaktoren gewichtet. Seit 1970 hat der S&P 500 rund 4900 Prozent zugelegt, wenn dieses Modell einen Wert über 0,70 anzeigte. Lag das Modell darunter, verlor der Index dagegen insgesamt fast 30 Prozent. TRADERS´: Sie haben sich auch mit dem aggregierten Verhalten von Unternehmensinsidern beschäftigt. Was sind hier Ihre Erkenntnisse? Kaeppel: Wir wissen aus einigen früheren Studien, dass es wichtig ist, wenn Unternehmensinsider massenhaft Nettokäufe oder Nettoverkäufe tätigen. Immerhin handelt es sich um Marktteilnehmer, die ihre Unternehmen und vor allem deren Geschäftsaussichten am besten kennen sollten. Zwar sind Insiderkäufe auch kein präzises TimingTool. Denn manchmal fangen sie zu früh mit dem Kaufen an und tun das auf dem ganzen Weg nach unten. Doch auf Sicht von einem bis drei Jahren geben massive Insiderkäufe selten falsche Signale. Leider reicht die von uns verwendete Insider-Datenbank von Bloomberg nur bis 2011 zurück, sodass es sich um einen relativ kurzen Zeitraum handelt. Trotzdem sind unsere Ergebnisse interessant: In diesem Zeitraum lag der S&P 500 ein Jahr später in 100 Prozent der Fälle höher, wenn das SentimenTrader Corporate Insider Buy/Sell Ratio über 0,13 stand. Dabei betrug der durchschnittliche Gewinn auf TRADERS´ 05.2023 „Gutes Einstiegstiming kann zwar ein großer Vorteil sein, aber letztlich entscheiden Money- und Risikomanagement.“
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