Traders Magazin_05_2023.indb

29 bleibt immer ein Wunsch. Das geht nicht und deshalb basieren Handelssysteme auf statistischen Übereinstimmungen von vergangenen Daten. Die Logik: Was früher funktionierte, könnte auch heute passen. Stichwort: Backtesting Unten rechts findet man den Glücksspiel-Quadrant. Diese Trader handeln ohne System und ohne Kontrollmaßnahmen. Gute Profitrader hingegen halten sich oben rechts auf. Sie haben klare Regeln und sind meistens schon lange im Business. Sie haben die Erfahrung, ihre Ein- und Ausstiege aus dem aktuellen Marktgeschehen heraus zu entscheiden. Was viele Börsenanfänger nicht verstehen, ist das Verhalten des diskretionären Profis. Oder noch schlimmer, sie glauben, dass sie sich mit ihnen messen könnten. Sie glauben, dass diskretionäre Trader ihre Entscheidung nur aus dem Bauchgefühl heraus vornehmen. Das ist eine grundlegend falsche Annahme. Auch bei diskretionären Profis gibt es sehr strenge Regeln, diese sind jedoch viel weiter gefasst. Es gibt einfach mehr Entscheidungsspielraum. Weil jedoch der Entscheidungsspielraum groß ist, gibt es bei allen erfolgreichen Tradern auch knallharte Grenzen. Gerade die diskretionären Trader sind beim Trading ziemlich „harte Knochen“. Meistens sind sie auch ganz große Meister in Sachen Risiko- und Money-Management. Zufall versus Kontrolle Interessant wird es, wenn das Trading zunehmend erfolgreicher wird. Meistens versuchen die Trader den eigenen Ansatz weiter zu perfektionieren. Man möchte jede Zufallskomponente entfernen. Das ist allerdings nicht vollständig möglich, denn der Kurs enthält immer selbst Zufallsbewegungen. Man kann jedoch zum Beispiel das Risiko eingrenzen, da man das Geld, das man jeweils einsetzt, auf den Cent genau bestimmen kann. Außerdem kann man den eigenen Ansatz unter die Lupe nehmen. Die PerformanceKennzahlen wie Trefferquote oder die durchschnittliche Höhe der Gewinn- und Verlust-Trades auswerten. Trading-Approach-Matrix Etwas Kontrollierbares dem Zufall zu überlassen ist ein klassischer Trading-Fehler. Dies kann aufgrund mangelnder Erfahrung oder mangelnder Disziplin geschehen. Während man sich langsam zum erfolgreichen Trader hocharbeitet, taucht man immer wieder an einer anderen Stelle in der Trading-Matrix auf. Das sehen Sie exemplarisch an meiner Geschichte und können es sogar auf die fünf Phasen übertragen. Zu Beginn, Phase 1 bis 2, war ich ganz klar im Quadranten unten rechts, dem Einsteiger- oder Zocker-Quadranten. Nachdem ich mich dann ein bisschen gründlicher mit Trading auseinandergesetzt hatte, entwickelte ich ein Verständnis für die Notwendigkeit von System und Kontrolle und wechselt somit in Phase 4 auf die linke Seite. Dort schwankte ich dann ein wenig hin und her. Inzwischen bin ich in Phase 5 und zwar oben links im Quadrant. Solange man sich dort aufhält, ist man auf der sicheren Seite und der persönliche Ansatz zeugt von Struktur, Systematik und Regelbewusstsein. Vielleicht ist man ja irgendwann so weit, dass man sich hinüberwagen kann in den Profi-Quadrant und sich dort gut schlägt. Vollzeit-Trading Man wird sich natürlich fragen, wieso ich mich nicht augenblicklich in die Karibik zurückgezogen habe, um dort den ganzen Tag am Strand zu liegen und nebenbei meine Positionen zu betreuen. Aber so einfach ist es ja dann auch wieder nicht. Man benötigt dazu eine Menge Startkapital, um auf Vollzeit-Trading umzustellen. Man muss sich genau überlegen, wie die regelmäßigen Ausgaben des Lebens finanziert werden können. Außerdem ist man nie vor längeren Drawdown-Phasen geschützt. Wenn es ganz schlecht läuft, könnte es finanziell eng werden. Außerdem braucht man stets das nötige Selbstvertrauen. Man muss felsenfest von seinem Trading überzeugt sein, damit man den persönlichen Erfolgsdruck aushält. Wie viel Geld benötigt man, um vom Trading zu leben? Gehen wir einmal davon aus, dass der Handel mit einigermaßen konstanter Rendite umgesetzt werden kann. Die meisten Profitrader landen mit reduziertem Risiko zwischen zehn und 20 Prozent Rendite pro Jahr. Unter diesen Voraussetzungen benötigt ein Trader mindestens 200.000 Euro, um davon leben zu können. Mein persönlicher Rat Ich wünsche niemandem, was ich erlebt habe. Stellenweise war es entsetzlich und ich stand emotional kurz vor dem Zusammenbruch. Selbst heute ist es für mich nicht leicht, darauf zurückzublicken. Wie so oft im Leben liegen Erfolg und Niederlage dicht nebeneinander. Aus beiden Situationen kann man lernen. Nahezu jede Börsenerfahrung kann einen im Handelsverhalten ein Stück weiter bringen. Denken Sie nur an die großen Erfindungen des Lebens. Vorausgegangen ist immer eine Vielzahl von Fehlern- sogar massenweise Fehler. Man testet und probiert. Dabei lernt man zunächst, was nicht geht, bis man versteht, wie es funktioniert. Investieren Sie in jedem Fall zuerst in Ihre Ausbildung. Dazu gehören Ausgaben für Bücher, Seminare, Hard- und Software und ein wenig „Spielkapital“. Der Rest kommt von selbst. TRADERS´ 05.2023 INSIGHTS

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