17 Mehr noch: Intelligenz hat keinen Einfluss auf die Trading Performance! Die Schlüsselkompetenz im Trading ist strategische Weitsicht („strategic sophistication“). Es geht um die Fähigkeit, sich in den Markt hineinzuversetzen, gedanklich immer einige Schritte voraus zu sein und zukünftige Entwicklungen frühzeitig zu antizipieren. Strategische Kompetenz ist zudem negativ korreliert mit der Volatilität der Trading-Ergebnisse. Mit anderen Worten: Je stärker die strategischen Fähigkeiten der Trader ausgeprägt sind, desto geringer sind die Portfolio-Schwankungen. Strategische Kompetenz erfordert vor allem Erfahrung, geistige Flexibilität und ständige Lernbereitschaft. Erfahrene Trader sprechen in diesem Zusammenhang gerne davon, über die Jahre ein „Gefühl für die Märkte“ entwickelt zu haben oder von einem strategischen Instinkt. Sie handeln ausschließlich, was sie sehen, nicht was sie oder andere glauben. Sie akzeptieren die Marktdiagnose, hüten sich aber vor Prognosen. Strategisches Handeln beinhaltet eine bestimmte Geisteshaltung, eine professionelle Einstellung zu den Märkten und zur eigenen Vorgehensweise: Ein kluger Trader ist ständig damit beschäftigt, Handelssysteme und Strategien zu reflektieren und regelkonform umzusetzen, sich nach der jeweiligen Marktsituation zu richten und durchdacht vorzugehen. Geplantes Handeln ist angesichts komplexer und volatiler Märkte ein unschätzbarer Vorteil. Trader handeln in einem Umfeld, das sich ständig und unvorhersehbar ändert. Kursbewegungen sind immer ungewiss, die Wirkungszusammenhänge vielfältig, mehrdeutig und dynamisch. Aus meiner Coaching Praxis weiß ich, dass diese Unvorhersehbarkeit bei vielen Tradern zu Stress und emotionaler Überlastung führt. Reflexartig ziehen sich unerfahrene Trader zurück in die Vergangenheit. Sie verdrängen die aktuellen Veränderungen und machen einfach mit dem weiter, was früher funktionierte. So sprach mich vor Kurzem ein Besucher auf der Anlegermesse INVEST in Stuttgart an und lamentierte, dass er seit Monaten Verluste mit einer bewährten Handelsstrategie macht, obwohl er sich akribisch an die Regeln hält. Auf die Idee, dass sich die Parameter geändert haben könnten, ist er nicht gekommen. Aus psychologischer Sicht ist das eine nachvollziehbare Schutzreaktion. Der Rückzug in Bekanntes und Vertrautes als Reaktion auf unabsehbare Veränderungen gibt vordergründig Stabilität und suggeriert ein Gefühl von Sicherheit. Das ist allerdings eine Illusion. Der Denkfehler liegt darin, dass der Blick in die Zukunft verstellt ist und die notwendige Anpassung an Veränderungen ausbleibt. Leider beherrschen nur wenige Trader die Fähigkeit, vorausschauend zu denken und strategisch kluge Entscheidungen zu treffen. Strategisches Denken bedeutet: Ein Trader gewinnt emotionalen Abstand von den Märkten, weil er eine übergeordnete, langfristige Perspektive eingenommen hat. Er ist in der Beobachterposition und identifiziert sich nicht mit einzelnen Trades. Er blickt nach vorne, konzentriert sich auf wahrscheinliche Szenarien und leitet daraus Handlungsoptionen ab. So ist er in der Lage, seine Systeme kritisch zu reflektieren und sich weiterzuentwickeln. Das richtige Trading-Mindset basiert auf Wenn-Dann-Bedingungssätzen und nicht auf Glaubenssätzen. Fazit: Die für den Trading-Erfolg erforderlichen Fähigkeiten sind nicht angeboren. Es ist ein langer Lernprozess, der Geduld und Durchhaltevermögen erfordert. Strategische Kompetenzen machen den Unterschied. Trader, die langfristige Ziele beharrlich und systematisch verfolgen und darüber hinaus gelernt haben, vorausschauend zu denken und zu handeln, haben eine gute Chance, erfolgreich zu werden. TRADERS´ 05.2023 Der berühmte Ökonom John Maynard Keynes hatte seinerzeit ein spieltheoretisches Experiment entwickelt, den sogenannten Schönheitswettbewerb („beauty contest“). Es galt, aus einer Auswahl von Fotos dasjenige auszuwählen, welches auch von den meisten anderen ausgewählt worden war. Gewonnen hatte also nicht, wer das nach seinem Geschmack schönste Foto ausgewählt hatte, sondern wer richtig einschätzen konnte, welches Foto die Mehrheit gewählt hatte. Eine Weiterentwicklung des Beauty Contests ist das bekannte Ratespiel „Guessing Game“, bei dem die strategische Weitsicht („strategic sophistication“) der Teilnehmer gemessen wird. In der zitierten aktuellen Studie vom University College London konnte nachgewiesen werden, dass strategische Weitsicht die Performance der besten Trader erklärt. Damit bestätigen sich die Aussagen von Keynes, dass Aktienmärkte nichts anderes als ein Beauty Contest sind, bei dem diejenigen gewinnen, die am besten das Verhalten der anderen Marktteilnehmer einschätzen und vorwegnehmen konnten. In Keynes eigenen Worten: „The actual, private object of the most skilled investment to-day is ‚to beat the gun‘, as the Americans so well express it, to outwit the crowd, and to pass the bad, or depreciating, halfcrown to the other fellow.“ INSIGHTS
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