26 Eine Frage der Verantwortung Für mein Umfeld hätte ich vielleicht einen Sündenbock inszenieren können – eventuell die schlechten Tipps meines Börsenbriefs, die ich zwar nicht handelte, aber zufälligerweise wies der Brief über den Zeitraum ebenfalls eine desaströse Performance aus. Des Weiteren befand sich der DAX in einem soliden Aufwärtsmarkt und auch der Silberkurs hat seit dem Tag nach meinem Knock-Out – ungelogen – keine tieferen Notierungen mehr gesehen. Wer verliert denn Geld, wenn er in einem Aufwärtsmarkt long geht? Man kann diese Phase auch als Rechtfertigungsphase bezeichnen, da man immer Gründe und Verantwortliche für das angerichtete Desaster sucht. Der Ausgang dieser Phase ist relativ einfach. Entweder findet man einen Grund bzw. einen Schuldigen oder man lebt zufrieden weiter und hakt das Kapitel ab. Ich hatte keine Wahl, denn es war nicht mein Geld. Außerdem wusste ich, dass es Leute gibt, die an den Märkten Geld verdienen und ich wollte dazugehören. Tatsächlich saß ich sehr gerne den Tag vor irgendwelchen Charts. Ich liebte es, das Marktgeschehen zu verfolgen und Antworten zu suchen, wie es mit DAX, Dow und Co. weitergeht. Grundsätzlich war ich gerne dabei, nur hatte ich nicht den geringsten Hauch einer Ahnung vom Trading. Und das dämmerte mir. Hilfe von außen Egal, wie eine solche kritische Phase beschaffen sein mag, ohne diverse Hilfestellungen neben dem nötigen Rückgrat wird man sie nicht erfolgreich überstehen können. Ich hatte einen guten Freund – Sebastian. Ohne ihn hätte ich es vermutlich nicht geschafft. Wir haben einen Großteil des Weges gemeinsam zurückgelegt und ich kann wohl behaupten, dass mein grandioses Scheitern ihn damals mindestens genauso schockierte und nachhaltig beschäftigte wie mich selbst. Als ich mit mir am Ende war, da hat er mich jeden Tag angerufen oder eine lange E-Mail geschickt. Irgendwann konnte ich mich aufraffen und wir haben beschlossen, es noch einmal zu versuchen – aber richtig. Wir haben uns bei ihm zu Hause auf dem Dachboden ein kleines Büro eingerichtet. Von dort haben wir von morgens bis abends die Märkte der Welt verfolgt und dabei tonnenweise themenrelevante Lektüre vertilgt. Ganz abgesehen vom psychologischen Support ist es wichtig, jemanden zu haben, mit dem man über das eigene Trading sprechen kann und von dem man vor den größten Dummheiten abgehalten wird. Ich hatte so jemanden. Das ist vielleicht der insgesamt wichtigste Punkt gewesen. Sehr beeinflusst haben mich auch die Bücher, Newsletter und Kurse von Van Tharp. Das war eine ausgezeichnete Unterstützung – vor allem auf der psychologischen Ebene. Tharp war jemand, der die selbstzerstörerischen Elemente am besten begriffen und aufgearbeitet hatte. Falls Sie sich dafür interessieren, habe ich für Sie meine persönliche Bücherliste zusammengestellt (siehe Tabelle 1). Die Wachstumsphase Wenn man einmal die Kurve gekriegt hat, dann geht es auch irgendwann wieder bergauf. Nachdem ich im Frühling und Sommer letzten Jahres weder mit Job noch Studium zu tun hatte, konnte ich mir die überaus wichtige Zeit nehmen, alles über die Kunst des Tradens herauszufinden. Ich wusste ja bereits, wie man es auf keinen Fall macht. Im Hinterkopf rechnete ich anfangs zwar noch mit den exorbitant hohen Renditen, die möglich sein könnten. Ich vermutete da draußen auch noch so etwas wie die todsichere Strategie, allerdings verlor ich den Glauben mit jedem Buch, das ich las. Im Internet kann man sich sehr gut informieren, was denn so alles zu einem erfolgreichen Handelsansatz und zum erfolgreichen Trading gehört. Ich staunte nicht schlecht, wie wahnsinnig breit dieses Thema aufgestellt ist. Nach den ersten Wochen meines ehrgeizigen täglichen Zehn-Stunden-Eigenstudiums wuchs bei mir auch langsam die Bescheidenheit. Meiner Meinung nach zählt Bescheidenheit zu den wichtigsten Tugenden eines erfolgreichen Traders. Zusammen mit Sebastian besuchte ich Seminare, wir beobachteten die Märkte und setzten uns mit verschiedenster Handels-Software auseinander. Wir nahmen an Trading-Spielen teil, designten und testeten Handelssysteme. Bis zu meinem tiefen Fall im April wusste ich nichts von der Existenz von CFDs oder speziellen Brokern, die auf Heavy-Trader spezialisiert sind. Daran sehen Sie schon, wie eng ich meine Scheuklappen angelegt hatte. Selbst über TRADERS´ erfuhr ich erst im Mai auf einem Seminar. Parallel zu meinem Eigenstudium nahm ich zum Wintersemester ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Fernuniversität Hagen auf. Die Mitgliedschaft in der Vereinigung der Technischen Analysten in Deutschland (VTAD) ist auch zu empfehlen. Vorzüge des Tradens Wie professionell und gewissenhaft manche Leute Trading betreiben, fasziniert mich noch heute. Schließlich ist auch Trading als Ganzes für mich nach wie vor eine einzige Faszination. Die Vorstellung, in der Karibik am Strand zu wohnen und ab und zu nach den aktuellen Positionen zu sehen, hat auf alle Fälle seinen Reiz. Allerdings ist der Weg dahin hart und hat mit der Einfachheit des Every-Day-Life nicht viel gemeinsam. Man muss es wirklich wollen und man muss sich wirklich kontrollieren. Diszipliniert muss man zur Tat schreiten, aber die Aussichten sind gigantisch. TRADERS´ 05.2023 INSIGHTS
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